🏙️Harran
Es gibt Katastrophen, die kündigen sich an. Und es gibt solche, bei denen die Menschheit erst begreift, was geschehen ist, als es bereits zu spät ist. Harran war eine davon.
Eine Stadt, die innerhalb kürzester Zeit von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Eine Stadt, deren Bewohner zunächst glaubten, dass Hilfe kommen würde. Dass die Regierung eine Lösung finden würde. Dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Straßen wieder sicher sein würden.
Doch die Hilfe blieb aus. Stattdessen kamen Soldaten. Straßensperren. Quarantänezonen. Und schließlich Mauern, die verhindern sollten, dass irgendetwas die Stadt verließ.
Die offizielle Begründung? Eine gefährliche Infektionskrankheit. Ein Virus, das Menschen in aggressive, unberechenbare Kreaturen verwandelte.
Die Wahrheit war allerdings weitaus schlimmer. Die Infizierten waren keine gewöhnlichen Kranken mehr. Sie griffen andere Menschen an. Sie verbreiteten das Virus. Und sie wurden mit jedem Tag zahlreicher.
🧪Die Global Relief Effort
Die Global Relief Effort, kurz GRE, sollte die Situation unter Kontrolle bringen. Zumindest behauptete sie das. Hilfslieferungen wurden organisiert. Medikamente verteilt. Wissenschaftler arbeiteten an einem Heilmittel.
Doch hinter verschlossenen Türen verfolgte die Organisation noch ganz andere Interessen. Das Virus wurde untersucht. Verändert. Weiterentwickelt. Was ursprünglich als Forschung zur Bekämpfung der Infektion begonnen hatte, entwickelte sich zu etwas, das die Menschheit endgültig an den Rand ihrer Existenz bringen sollte.
Denn Harran blieb nicht die einzige Stadt, die mit dem Virus in Berührung kam.
💥Der Zusammenbruch
Im Jahr 2021 geschah das, was niemals hätte geschehen dürfen. Eine veränderte Variante des Harran-Virus entkam aus einer Forschungseinrichtung der GRE. Diesmal gab es keine Mauern, die hoch genug gewesen wären. Keine Quarantäne, die rechtzeitig eingerichtet werden konnte. Keine Regierung, die auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet gewesen wäre.
Innerhalb weniger Wochen verbreitete sich die Infektion über Ländergrenzen hinweg. Krankenhäuser waren überfüllt. Die Versorgung brach zusammen. Menschen flohen aus den Städten, nur um festzustellen, dass es außerhalb kaum sicherer war. Das Militär versuchte, die Ausbreitung einzudämmen. Ganze Stadtteile wurden abgeriegelt. Ausgangssperren verhängt. Infizierte erschossen. Doch die Maßnahmen kamen zu spät.
Im Jahr 2023 war ein Großteil der menschlichen Zivilisation zusammengebrochen. Regierungen existierten nicht mehr. Staaten hatten ihre Bedeutung verloren. Und die wenigen Menschen, die überlebt hatten, waren auf sich allein gestellt.
🏚️Villedor
Villedor war eine der wenigen Städte, die nicht vollständig untergegangen waren. Die Mauern, die einst zum Schutz ihrer Bewohner errichtet worden waren, hielten einen Großteil der Infizierten außerhalb der Stadt. Doch auch innerhalb der Mauern war das Leben längst nicht mehr das, was es einmal gewesen war.
Straßen waren verlassen. Gebäude zerfallen. Die Natur hatte begonnen, sich zurückzuholen, was die Menschen ihr über Jahrhunderte genommen hatten. Strom gab es nur dort, wo Generatoren oder alte Versorgungssysteme noch funktionierten. Sauberes Wasser war keine Selbstverständlichkeit mehr. Medikamente waren selten. Lebensmittel mussten angebaut, gefunden oder gegen andere Waren eingetauscht werden.
Und wer sich außerhalb der geschützten Siedlungen bewegte, musste jederzeit damit rechnen, nicht mehr zurückzukehren.
🧟Die Infizierten
Die Infizierten gehörten inzwischen zum Alltag. Tagsüber hielten sich viele von ihnen in dunklen Gebäuden, verlassenen U-Bahn-Schächten oder anderen lichtgeschützten Orten auf. Nachts hingegen veränderte sich die Stadt. Die Straßen, die bei Tageslicht noch einigermaßen sicher gewesen waren, wurden zu einem Gebiet, in dem ein einziger Fehler das Leben kosten konnte.
💀Die Schattenjäger
Besonders die Schattenjäger waren gefürchtet. Schnell. Stark. Und weitaus gefährlicher als die gewöhnlichen Infizierten. Wer ihnen begegnete, hatte meistens nur eine Möglichkeit. Fliehen. Vorausgesetzt, er war schnell genug.
UV-Lampen wurden deshalb zu einem der wichtigsten Bestandteile des täglichen Lebens. Sie schützten die Siedlungen. Sicherten Eingänge. Und ermöglichten es den Menschen, die Nächte überhaupt zu überstehen. Auch UV-Pilze und Inhibitoren waren von Bedeutung geworden.
Denn längst waren nicht mehr nur die Infizierten eine Gefahr. Jeder Mensch konnte sich anstecken. Ein Biss. Eine unachtsame Begegnung. Und plötzlich war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der eigene Körper dem Virus nachgab.
⚔️Die Gruppierungen
Doch das Virus war nicht das einzige Problem, mit dem die Bewohner Villedors zu kämpfen hatten. Die alte Ordnung war verschwunden. Polizei, Gerichte und staatliche Behörden existierten nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form. Stattdessen hatten sich innerhalb der Stadt verschiedene Gruppierungen gebildet, die jeweils ihre eigenen Vorstellungen davon hatten, wie das Zusammenleben funktionieren sollte.
🛡️Die Peacekeeper
Die Peacekeeper glaubten an Ordnung. An Disziplin. An klare Regeln und eine Führung, die bereit war, diese Regeln notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Ihre Mitglieder waren bewaffnet, organisiert und verfügten über militärische Strukturen. Sie patrouillierten durch die Straßen, sicherten wichtige Einrichtungen und gingen gegen Bedrohungen vor.
Für manche Bewohner waren sie die letzte Hoffnung auf ein einigermaßen geregeltes Leben. Für andere waren sie nicht viel mehr als Soldaten, die ihre Macht ausnutzten. Denn wer sich ihren Anweisungen widersetzte, musste mit Konsequenzen rechnen.
🏕️Die Überlebenden
Die Überlebenden hingegen wollten sich nicht einer militärischen Führung unterwerfen. Sie hatten eigene Gemeinschaften aufgebaut, bewirtschafteten Gärten auf den Dächern der Stadt und versuchten, sich gegenseitig zu unterstützen. Freiheit und Zusammenhalt standen für sie im Vordergrund. Zumindest in der Theorie.
Denn auch unter ihnen gab es Streitigkeiten. Misstrauen. Menschen, die mehr wollten, als ihnen zustand. Und solche, die bereit waren, ihre Nachbarn zu bestehlen, wenn sie dadurch selbst einen weiteren Tag überleben konnten. Die Überlebenden waren keine einheitliche Gruppe. Sie waren Menschen, die versuchten, mit dem auszukommen, was ihnen geblieben war.
🩸Die Renegades
Und dann gab es noch die Renegades. Bewaffnete Männer und Frauen, die sich weder den Regeln der Peacekeeper noch den Vorstellungen der Überlebenden unterwerfen wollten. Sie hatten ihre eigenen Gebiete, ihre eigenen Anführer und ihre eigenen Methoden. Überfälle, Einschüchterungen und gewaltsame Auseinandersetzungen gehörten zu ihrem Alltag.
Wer ihnen begegnete, konnte nicht darauf hoffen, dass sie sich an irgendwelche Vereinbarungen hielten. Doch selbst unter ihnen gab es Unterschiede. Nicht jeder hatte sich ihnen aus Überzeugung angeschlossen. Manche hatten schlicht keine andere Wahl gehabt.
🏘️Die Bewohner
Zwischen diesen Gruppierungen lebten die gewöhnlichen Bewohner Villedors. Händler. Handwerker. Familien. Kinder, die niemals eine Welt ohne Infizierte kennengelernt hatten. Menschen, die sich noch an Supermärkte, funktionierende Krankenhäuser und ein Leben ohne nächtliche Ausgangssperren erinnern konnten. Sie alle mussten irgendwie miteinander auskommen.
Die einen handelten mit Lebensmitteln, andere reparierten Waffen oder alte technische Geräte. Wieder andere verdienten ihren Lebensunterhalt damit, gefährliche Gebiete nach brauchbaren Gegenständen zu durchsuchen. Alte Medikamente. Batterien. Kleidung. Alles konnte von Wert sein. Selbst Dinge, die vor dem Zusammenbruch niemand eines zweiten Blickes gewürdigt hätte.
🧭Die Pilger
Außerhalb der Stadt waren die Pilger unterwegs. Einzelgänger, die zwischen den wenigen verbliebenen Siedlungen reisten und Nachrichten, Waren oder Informationen überbrachten. Ihre Reisen waren gefährlich. Nicht nur wegen der Infizierten, sondern auch wegen der Menschen, denen sie unterwegs begegnen konnten. Räuber. Plünderer. Verzweifelte Überlebende.
Niemand konnte wissen, ob ein Fremder tatsächlich Hilfe benötigte oder nur auf eine Gelegenheit wartete, jemanden auszurauben. Entsprechend misstrauisch wurden Pilger vielerorts empfangen. Und trotzdem waren sie für manche Gemeinschaften die einzige Verbindung zur Außenwelt.
🌙Villedor im Jahr 2036
Inzwischen schreiben wir das Jahr 2036. Fünfzehn Jahre sind seit dem Ausbruch der weltweiten Pandemie vergangen. Dreizehn Jahre seit dem weitgehenden Zusammenbruch der Zivilisation. Die Menschen haben gelernt, mit den Infizierten zu leben. Sie haben gelernt, ihre Häuser zu sichern, Nahrung anzubauen und sich bei Einbruch der Dunkelheit in Sicherheit zu bringen.
Doch Frieden gibt es deshalb noch lange nicht. Die Spannungen zwischen den Gruppierungen nehmen zu. Ressourcen werden knapper. Alte Streitigkeiten sind längst nicht vergessen. Und immer wieder verschwinden Menschen, ohne dass jemand weiß, was mit ihnen geschehen ist.
🧬Das Erbe der GRE
Auch die Vergangenheit ist noch nicht vollständig begraben. In den verlassenen Einrichtungen der GRE befinden sich nach wie vor Forschungsunterlagen, Medikamente und technische Geräte. Manche Anlagen sind seit Jahren versiegelt. Andere wurden geplündert. Und wieder andere sind so gefährlich, dass sich kaum jemand freiwillig hineinwagt.
Was dort tatsächlich erforscht wurde, wissen nur wenige. Noch weniger wissen, welche Experimente die Wissenschaftler durchgeführt haben und was aus den Menschen geworden ist, an denen sie vorgenommen wurden. Für die meisten Bewohner Villedors spielt das allerdings keine Rolle. Sie haben andere Sorgen. Etwas zu essen finden. Den nächsten Tag überstehen. Ihre Familien beschützen.
Denn die Welt wird nicht mehr so werden, wie sie einmal war. Das haben die meisten längst begriffen. Es wird keine Regierung kommen, die alles wieder in Ordnung bringt. Keine Armee, die sämtliche Infizierten beseitigt. Kein Heilmittel, das die vergangenen fünfzehn Jahre ungeschehen macht. Die Menschen müssen selbst entscheiden, wie sie in dieser Welt leben wollen. Ob sie sich einer der bestehenden Gruppierungen anschließen. Ob sie versuchen, sich aus den Konflikten herauszuhalten. Oder ob sie ihre eigenen Wege gehen.
Und Villedor? Villedor steht noch. Trotz der Infizierten. Trotz der Kämpfe. Trotz all jener Menschen, die in den vergangenen Jahren ihr Leben verloren haben. Doch wie lange das so bleiben wird, weiß niemand. Denn die größte Gefahr für die letzten Überlebenden ist längst nicht immer das, was nachts durch die Straßen streift.
Manchmal sind es die Menschen selbst.